Go Guerilla!

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Meine Abschlussarbeit bei trive.me: Die Guerilla Usability-Testmethode

Ein digitales Produkt von Anfang an begleiten und live mitgestalten, sowie schließlich für meine Abschlussarbeit verwenden: All‘ das und viel mehr durfte ich in meinem Praxissemester bei trive.me erleben.


Vicky beim User-Testing im WeWork in Berlin.

Es ist früh und ich sitze im Zug nach Berlin. Vielleicht zu früh, aber ich habe heute vieles vor. Auf diesen Tag habe ich lange hingearbeitet, seitdem ich das erste Mal von dieser besonderen Usability-Testmethode gehört habe. Indirekt eigentlich schon seitdem ich mein Pflichtpraktikum bei trive.me absolvieren darf.
Jedenfalls sitze ich nun im ICE 1336 von Fulda nach Berlin, bin unausgeschlafen und aufgeregt. Heute muss alles passen.
Der Zug fährt weiter, bald sind wir in Berlin.
Kurz vor der Haltestelle Berlin Hauptbahnhof raffe ich mich auf, mache kurz Halt auf der Zugtoilette bevor ich mich endlich zusammenreiße, in ein fremdes Zugabteil steige und mich gegenüber des einzigen Passagiers dort setze.

„Hallo ich bin Vicky von trive.me und ich möchte gerne mit Ihnen unsere Webanwendung trive.energy testen. Haben Sie kurz Zeit für mich?“

Wie kam ich eigentlich dazu?

Ich habe Digitale Medien an der Hochschule Fulda studiert und war in meinem vorletzten Semester, als ich das erste Mal von dem Start-Up gehört habe. Standardmäßig wird in diesem Studiengang im letzten Semester ein Praktikum in einem Unternehmen absolviert und dort auch die eigene Abschlussarbeit geschrieben.
Um uns darauf vorzubereiten veranstaltet die Hochschule Vorseminare, in denen sich unter anderem Unternehmen vorstellen, die auf der Suche nach Praktikanten sind.
trive.me präsentierte sich dort ebenfalls. Für mich unterschied es sich positiv von den anderen Unternehmen: Alles wirkte dort etwas moderner, innovativer und einfach etwas cooler.
Knapp ein halbes Jahr und eine Bewerbung später, begann ich dann mein Praktikum bei trive.me.

Meine Erwartungen wurden gleich zu Beginn des Praktikums erfüllt, eigentlich sogar übertroffen. Bereits am ersten Tag wurde ich ins Projektgeschehen einbezogen und verfolgte fortan live mit, wie ein digitales Produkt zum Leben erweckt wird: trive.energy

Wie für ein Start-Up typisch, gab es keine strenge hierarchische Einteilung und ich durfte in die unterschiedlichsten Bereiche hineinschnuppern und mich dort einbringen. Gerade für mich als Studentin eine super Erfahrung, da das trocken im Studium erworbene Wissen hier endlich eine konkrete Verwendung fand.

Eine Vielzahl an spannenden Aufgaben erwartete mich

Von Front-End-Entwicklung über Innovationsmanagement, Marketing und Usability-Testing bis hin zu Suchmaschinenmarketing – von allem war etwas dabei.
Dabei fühlte ich mich nie wie „die Praktikantin“, sondern von Anfang an wie ein vollwertiges Team-Mitglied, was wirklich sehr motivierend war.
Außerdem besteht trive.me ausschließlich aus hilfsbereiten, leidenschaftlichen und spaßigen Kollegen, zu denen man schnell ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen kann.
Dementsprechend verging die Zeit auch wie im Flug und meine Bachelorarbeit rückte immer näher. Während meiner Arbeit an trive.energy habe ich mich auf die Thematik Usability fokussiert und mein Interesse daran entdeckt.
Schließlich bin ich bei meiner Recherche auf ein Video gestoßen, das die sogenannte „Guerilla Usability Methode“ beschreibt. Ich hatte zuvor noch nie davon gehört, mein Interesse war jedoch sofort geweckt, da die Methode eine schnelle Zielerreichung bei minimiertem Aufwand gegenüber einem Labortest versprach – also genau das, was zu einem agilen Start-Up wie trive.me passt.
Das Ganze ließ mich nicht mehr los. Anfangs wollte ich die Methode ausschließlich für die Evaluierung von trive.energy nutzen. Als ich aber irgendwann herausfand, dass die Methode noch kaum erforscht oder weiter beschrieben ist, reizte mich das sehr, da ich dort eine Nische gefunden zu haben schien, der leider zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Warum dann diese Methode nicht einfach selbst (wissenschaftlich) untersuchen?
So kam ich also zu dem Thema für meine Abschlussarbeit.

Praxis im Studium: Das geht!

Die Guerilla Usability-Testmethode ist eine sogenannte „Discount Usability“-Variante, die die schnelle Durchführung einer Usability-Evaluation gewährleisten soll. Hierbei wird die Probandenanzahl auf 5 Testpersonen reduziert und eine kürzere Zeitspanne von max. 30 Minuten pro Test eingeplant. Außerdem findet diese Art des Tests nicht im Labor, sondern unter „Realbedingungen“ statt, was zum einen kostengünstiger ist und zum anderen den Vorteil hat, dass die Ergebnisse aus dem Nutzungsumfeld stammen und damit meist sogar valider als Labortests sind.

Wieder zurück zu meiner Zugfahrt nach Berlin.

Etwa eineinhalb Monate Recherche und Vorbereitung liegen hinter mir, nun soll die Methode in der Realität angewendet werden, um Daten für die Analyse zu sammeln. Mein Ziel in Berlin ist das Coworking Space WeWork. Ein Ort voller technologiebegeisterter und digital geprägter Menschen – der perfekte Ort also für meinen ersten Feldversuch.

Mein Thema: Die Guerilla Usability-Testmethode

Warum dann überhaupt der Test im Zug?
Der Anspruch der Methode ist es, in jedem Kontext, bestenfalls wie bereits erwähnt, in der zukünftigen Nutzungsumgebung, anwendbar zu sein und dort auch angewendet zu werden. Und was machen wir größtenteils wenn wir im Zug sitzen? Aus dem Fenster starren? Das vielleicht auch, aber viel Zeit davon verdaddeln wir an unserem Handy und surfen auf Webseiten oder benutzen Apps.
So beschloss‘ ich bereits die Fahrten für die Untersuchung der Methode zu nutzen. Auf der Hinfahrt befrage ich nur eine Person, auf der Rückfahrt 2 weitere.
In Berlin angekommen, ging es flott zum Coworking-Space, denn ich hatte nicht viel Zeit.
Noch eine Bedingung des Tests: In möglichst wenig Zeit ein möglichst aussagekräftiges Ergebnis erzielen.

Die Suche nach Probanden gestaltet sich im Coworking-Space etwas leichter, es lässt sich besser erkennen, wer offen für einen Test ist. Lustigerweise stoße ich auf eine unerwartete Schwierigkeit: Meinen Test habe ich in Deutsch gestaltet, da die Zielgruppe von trive.energy ein deutsches Publikum ist. Das Co-Working-Space in Berlin hat aber ein recht internationales Klientel, so dass ich während meiner Testpersonen-Akquisition auf zwei englischsprachige Personen stoße, von denen ich mit einem sogar den Test durchführe. Hier zeigt sich eine der Schwächen der Methode: Ich bin auf die Personen vor Ort angewiesen, da ich nicht meiner Zielgruppe spezifisch zugeordnet Personen einladen kann. Deshalb muss ich gezwungenermaßen auch auf Personen zugreifen, die nicht immer dem primären Nutzerkreis der getesteten Anwendung entsprechen. Die Auswahl ist eben auf die akut vorhandenen Personen beschränkt. Ein wenig diesem Nachteil entgegenwirken kann man, indem man den Testort der Zielgruppe entsprechend auswählt, also zum Beispiel eine App für E-Books in einer Bibliothek testet.

Auf den Punkt schaffe ich die angestrebte Anzahl von 5 Probanden bevor es mit dem Zug wieder zurückgeht.
Es war einer der anstrengendsten Tage meiner Praktikumszeit, aber auch einer der spannendsten und wichtigsten. Nach meinem Berlinausflug hatte ich die für meine Bachelorarbeit notwendigen Ergebnisse zusammen und konnte mich in die wissenschaftliche Arbeit stürzen. Etwa einen Monat später ist daraus meine fertige Bachelorarbeit entstanden.

20. Dezember, 2017|Kategorien: Automotive, Future, Highlight, Trends|0 Kommentare
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